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Elke Rehder Vita

 

Philosophische Betrachtungen über das Schachspiel

 

Reflexionen über die Schach-Kunst


Der Künstler und Schachspieler Marcel Duchamp ging bei einer Schachpartie lieber Risiken ein, um eine "schöne Partie" zu spielen. Er liebte wohl mehr das romantische Schach als die von Wilhelm Steinitz entwickelten Regeln des Positionsspiels. Ich entnehme dies unter anderem aus den nachfolgenden Zitaten Duchamps:

"Eine Schachpartie ist von einer großen Plastizität. Man konstruiert sie; sie ist eine mechanische Plastik. Mit dem Schach kreiert man schöne Probleme, und seine Schönheit wird mit dem Kopf und den Händen gemacht..."

"Ich glaube in der Tat, dass jeder Schachspieler ein Gemisch zweier ästhetischer Vergnügen erfährt: erstens das abstrakte Bild, verwandt mit der poetischen Idee beim Schreiben; zweitens das sinnliche Vergnügen der ideographischen Ausführung dieses Bildes auf den Schachbrettern."

"Wenn auch nicht alle Künstler Schachspieler sind, so doch alle Schachspieler Künstler."

Wer sich weiter mit diesem Thema beschäftigen möchte, sollte im Internet weiter nach folgenden Suchbegriffen recherchieren:

  • Hans Richter Film 8 x 8
  • Man Ray Schachfiguren
  • Max Ernst Schachfiguren
  • Willi Baumeister Schachspieler

 

Schachphilosophie isolierter Bauer - Kunst zum Schach von Elke Rehder

Der isolierte Bauer - Kunst zum Schach von Elke Rehder

 

 

 

Gedanken über Hierarchien und Machtstrategien im Schachspiel


Die Einteilung der Schachfiguren in Klassen und die Gegnerschaft der beiden Heere hat schon immer zu philosophischen Betrachtungen angeregt. Dabei wurden soziale, moralische, gesellschaftliche und politische Gleichnisse entwickelt und das Schachspiel auch als Spiegelbild des Lebens gesehen. Das Schach ist wie das Leben oder wie das Theater. Die 64 Felder des Schachbrettes sind die Bühne des Theaters. Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel sind wie ein Drama in drei Akten, das meist mit dem Tod eines Königs endet. Theater und Schach sind die Quellen künstlerischer und philosophischer Emotionen, die nicht selten in den Wahnsinn führen. In einem meiner Holzschnitte zur Schachnovelle von Stefan Zweig habe ich dieses Phänomen als "Schachwut" bezeichnet und als Synonym würde ich es auch als Schach-Rage, Schach-Raserei, Schach-Fieber, Schach-Vergiftung oder Schach-Sucht bezeichnen und ich denke dabei im Schach an Morphy, Steinitz und Fischer, im Theater an Strindberg und Artaud. Diesen Absatz möchte ich mit dem Ausspruch des großen Magiers des Theaters Fernando Arrabal abschließen: "Schach und Theater - das sind die Künste der Dissidenten, der Mystiker und Andersgläubigen, der Libertären und Propheten, der Fischers und Ionescos, Morphys und Kortschnois."

 

Schachphilosophie Schwarzes Gift - Kunst zum Schach von Elke Rehder

Das schwarze Gift - Kunst zum Schach von Elke Rehder

 

 

 


Kurzer Abriss zur Entstehungsgeschichte des Schachspiels


Das Schachspiel stammt mit großer Wahrscheinlichkeit ursprünglich aus Indien. Im Mittelalter wurde es von den Persern und Arabern nach Westeuropa weitergegeben. Den Ausdruck "Schachmatt" verdanken wir den Persern "Shah = König" und den Arabern "mat = er ist tot". In der Renaissance wurden einige der Spielregeln des Schachs geändert und Dame und Läufer erhielten mehr Mobilität. 

Im orientalischen Schach ist diese Spielfigur der Dame nicht die Königin. Die Figur war der Berater bzw. ein Minister des Königs (persisch = fersan). Der persische Ausdruck "fersan" wurde dann in Spanien auf Kastillianisch zu "alferga" und weiter in Richtung Frankreich das alt-französische "fierge" für Jungfer. Die Zuerkennung solch einer dominierenden Rolle für die Frau des Königs entspricht der Haltung von Ritterlichkeit. Es ist auch bemerkenswert, dass das Schachspiel aufgrund des persisch-arabischen Einflusses die Grundregeln der Ritterlichkeit mit in die europäische Kultur brachte.

Erwähnen möchte ich auch das sogenannte Würfelvierschach, welches zuerst in Indien beschrieben wurde. Es geht vermutlich auf das Jahr 1030 zurück. Von den vier Spielern verfügt jeder über 8 Spielfiguren. Ein Würfel entscheidet, mit welcher Figur gezogen werden darf. Einige Schachhistoriker sind der Meinung, dass dies die ältere Variante des Schachspiels sei. Ich möchte an dieser Stelle auf die wissenschaftlich hervorragende Publikation von Ulrich Schädler verweisen http://www.boardgamestudies.info/pdf/issue2/BGS2Schaedler.pdf

Der Läufer war ursprünglich ein Elefant mit einem Wehrturm auf dem Rücken (arabisch: Al-fil). Im Spanischen wird der Läufer noch heute "Alfil" genannt. Die vereinfachte Darstellung eines Elefantenkopfes in einigen mittelalterlichen Manuskripten konnte entweder für die Kappe eines Dummkopfes oder für die Mitra eines Bischofs gehalten werden. Daher wird der Läufer französisch als "Fou" (Narr) und englisch als "Bishop" bezeichnet (zu internationalen Namen von Schachfiguren s. a. Navigationsbutton Figuren).

Schachphilosophie Schachmatt - Kunst zum Schach von Elke Rehder

Schachmatt II - Kunst zum Schach von Elke Rehder

 

Das Schachspiel bekam in Europa eine mehr abstrakte und mathematische Prägung, ohne jedoch die wesentlichen Eigenschaften zu verlieren. In der Ausgangsstellung der Schachfiguren bleibt das alte strategische Modell bestehen. Die beiden Armeen sind in Schlachtordnung aufgestellt (vergl. hierzu Gedicht "Das Schachspiel" von Gottlieb Konrad Pfeffel, Künstlerbuch der Elke Rehder Presse - s. a. Navigationsbutton Poesie).

Wie üblich, bildet die erste Linie das Fußvolk, vertreten durch die Bauern. Sie sind in Masse vorhanden. Der Hauptteil der Armee besteht aus den schweren Truppen. Dies sind die Kriegswagen (Türme), Pferde (Springer) und Kriegselefanten (Läufer). Der König und sein engster Berater, die Dame, sind in der Mitte der Truppen positioniert. 

Zu der Frage, ob das Schachspiel Analogien zu unserem Leben aufweist, habe ich unter dem Button Gedanken schon einige Ausführungen gemacht. Bei dem bereits erwähnten Würfelvierschach wird ein Vergleich zu unserem Alltagsleben noch plausibler. In unserem Leben spielt das Glück oftmals eine entscheidende Rolle. Trotz optimaler Planung und strategischer Überlegung verdanken wir dem Glück so manchen Gewinn und im umgekehrten Sinne dem Unglück so manchen Verlust. Die Kombination von Strategie und Glück im Schachspiel ist eine Erweiterung zu dem rein rationellen Spiel. Interessanterweise gibt es seit 2010 ein steigendes Interesse nach einem Schachspiel mit Glücksspielvariante. Unter dem Namen Raindropchess (Regentropfenschach) wird diese neue Variante des Schachspiel bereits in mehreren Ländern gespielt. Wie Regentropfen fallen die Schachfiguren "vom Himmel". Anstelle der Würfel, wird das Schicksal von Karten beeinflußt. Bitte schauen Sie sich die folgende Seite an www.raindropchess.de

 

 

 

Naturwissenschaftliche Vergleiche zum Schachspiels


Die älteste Beschreibung des Schachspiels ist aus dem 9. Jahrhundert in dem "Buch der goldenen Wiesen" des arabischen Historikers al-Mas'udi enthalten. Er schreibt die Erfindung des Schachspiels dem indischen König Balhit zu. Der brahmanische Ursprung des Schachspiels ist durch das als besonders heilig angesehene Schema von 8 x 8 Quadraten zu vermuten.

Die Hindus schreiben der Verdopplung, die durch die geometrische Steigerung auf den Quadraten des Schachbrettes erfolgt, eine geheimnisvolle Bedeutung zu. Die berühmte Legende ist sicherlich bekannt, in dem der Erfinder des Schachspiels den Monarchen bittet, die Quadrate seines Schachbrettes mit Reiskörnern zu füllen, indem er ein Korn auf das erste, zwei auf das folgende, vier das dritte, und so weiter bis zum vierundsechzigsten Quadrat legt, welches die Summe von 18.446.744.073.709.551.616 Körnern ergibt, also 18 Trillionen 446 Billiarden 744 Billionnen 73 Milliarden 709 Millionen 551 Tausend und 616 Reiskörner.

Die zyklische Symbolik des Schachbrettes liegt in der Tatsache, dass es das Ausbreiten des Raumes entsprechend der Vierergruppe und Achtergruppe der Hauptrichtungen darstellt (4 x 4 x 4 = 8 x 8) und dass es, in kristalliner Form, die zwei großen sich gegenseitig ergänzenden Zyklen von Sonne und Mond zusammenfasst: Die Zwölfteilung des Tierkreises und die 28 Mondhäuser. Die 28 Mondhäuser entsprechen den etwa 28 Tagen, die der Mond von Neumond bis Neumond für einen vollen Umlauf um die Erde benötigt. 

Die Zahl 64 ist die Summe der Quadrate auf dem Schachbrett und eine Submultiple (Divisor) der elementaren zyklischen Zahl 25920, welche die Präzession der Tagundnachtgleiche misst. 25920 Jahre braucht der Frühlingspunkt, um nacheinander den Einfluss aller zwölf Sternzeichen zu durchwandern. Dieses langsame Vorrücken der Tagundnachtgleichen (Äquinoktien) durch die Sternzeichen wird Präzession genannt und war schon den Babyloniern bekannt.

Die Symbolik des Schachbrettes war auch dem König Alfons X. (Alphonsus der Kluge) bekannt. Der berühmte Minnesänger aus Kastilien verfasste 1283 die "Libros de Acedrex". Dieses Werk bezieht sich weitgehend auf orientalische Quellen. Alphonsus der Kluge beschreibt auch eine sehr alte Variante des Schachspiels, das "Spiel der vier Jahreszeiten", das von vier Spielern gespielt wird, so dass die Spielsteine, welche in den vier Ecken des Schachbrettes angeordnet sind, sich in rotierender Richtung bewegen, analog zur Bewegung der Sonne. Die 4 x 8 Steine müssen die Farben Grün, Rot, Schwarz und Weiß haben; diese entsprechen den vier Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter; den vier Elementen: Luft, Feuer, Erde und Wasser und den vier organischen Stimmungen. Die Bewegung der vier Lager symbolisiert zyklische Transformation. Dieses Spiel, das merkwürdigerweise bestimmten Sonnen-Ritualen und Tänzen der Indianer in Nordamerika ähnelt, steht im Einklang mit dem Grundprinzip des Schachbrettes.

 

Schachphilosophie Schlüsselstellung - Kunst zum Schach von Elke Rehder

Schlüsselstellung - Kunst zum Schach von Elke Rehder

 

 

 

Philosophische Gedanken über das Schachspiel


Die Beziehung zwischen Wille und Schicksal wird unmissverständlich durch das Schachspiel veranschaulicht, insofern als seine Züge immer verständlich bleiben, ohne in ihren Variationen eingeschränkt zu sein. Alphonsus der Kluge berichtet in seinem Buch über das Schach, wie ein König aus Indien wissen wollte, ob die Welt der Intelligenz oder dem Zufall folgen würde. Zwei weise Männer, seine Berater, gaben gegensätzlich Antworten, und um ihre jeweiligen Thesen zu beweisen, nahm einer von ihnen als sein Beispiel das Schachspiel, in dem Intelligenz über Zufall vorherrscht, während der andere Würfel herstellte, das Symbol für Fatalität. Der Historiker al-Mas'udi schreibt, dass der König Balhit dem Schachspiel gegenüber dem Glücksspiel den Vorzug gab, weil im ersteren die Klugheit immer über die Unwissenheit triumphiert. 

In jedem Stadium des Spiels hat der Spieler die Freiheit, zwischen mehreren Möglichkeiten zu wählen. Aber jeder Zug hat eine Reihe unvermeidbare Konsequenzen, so dass der Sachzwang in zunehmendem Maße die freie Wahl begrenzt, wobei das Spielende nicht das Resultat der eingegangenen Wagnisse ist, sondern der rigorosen Gesetze. 

Hier ist nicht nur die Beziehung zwischen Wille und Schicksal sondern auch zwischen Freiheit und Wissen zu sehen. Außer im Falle einer Unachtsamkeit seitens des Gegners, will der Spieler nur seine Handlungsfreiheit schützen, wenn seine Entscheidungen die in der Natur des Spiels gegebenen Möglichkeiten mit einbeziehen. Mit anderen Worten ist die Handlungsfreiheit hier eng verbunden mit der Vorhersehbarkeit und Kenntnis der Möglichkeiten. Umgekehrt wird blinder Antrieb, der beim ersten Eindruck gleichwohl frei und spontan erscheinen mag, im abschließenden Resultat als Eingeschränktheit aufgedeckt. 

Die königliche Kunst ist, die Welt - außerhalb und innerhalb - in Übereinstimmung mit seinen eigenen Gesetzen zu regeln. Diese Kunst setzt Klugheit voraus, die im Wissen von Möglichkeiten fundiert ist.

 

Philosophie Remis - Kunst zum Schach von Elke Rehder

Remis - Kunst zum Schach von Elke Rehder

 

 

 

Mythologischer Kampf zwischen Schwarz und Weiß


Die Form des Schachbrettes entspricht der klassischen Art eines Mandalas, also eines Schemas, das in der indischen Architektur auch den Grundriss eines Tempels oder einer Stadt festlegt. Der Kampf, der im Schachspiel stattfindet, stellt in der indischen Mythologie den Kampf der Götter mit den Titanen dar. Demnach würden auf unserem heutigen Schachbrett Schwarz und Weiß vermutlich den Kampf zwischen den himmlischen und den dunklen Mächten symbolisieren.

Buddhistische Texte beschreiben das Universum als Brett von 8 x 8 Quadraten, durch goldene Schnüre befestigt. Auch in der chinesische Tradition sind es 64 Zeichen, die von den 8 Trigrams erklärt werden. Diese 64 Zeichen werden generell so angeordnet, dass sie den acht Regionen des Raumes zu entsprechen. Ying und Yang im Feng Shui sind die Idee von einer vier- und einer achtteiligen Unterteilung des Raumes, die alle Aspekte des Universums umfasst.

Das Schachbrett kann als die Erweiterung eines Diagramms angesehen werden, welches durch vier Quadrate gebildet wird. Die Abwechslung der schwarzen und weißen Quadrate in diesem grundlegenden Diagramm des Schachbrettes macht die zyklische Bedeutung klar und bildet somit das rechteckige Äquivalent des fernöstlichen Symbols von Ying und Yang. Es ist ein Bild der Welt in seinem grundlegenden Dualismus. Es bildet auch ein Symbol von der umgekehrten Analogie: Frühling und Herbst, Morgen und Abend sind umgekehrt analog. Im Allgemeinen entspricht der Wechsel von Schwarz und Weiß dem Rhythmus von Tag und Nacht, von Leben und Tod. 

Es zeigt sich, dass die Symbolik von Schwarz und Weiß, die sich bereits in den Quadraten des Schachbrettes manifestiert, auch in den schwarzen und weißen Schachfiguren ihre volle Bedeutung erlangt. Die weiße Armee ist die des Lichtes und die schwarze Armee ist die der Finsternis. Der auf dem Schachbrett stattfindende Kampf, symbolisiert den Kampf zwischen irdischen Armeen, von denen jede im Namen eines Leitgedankens kämpft. Spirituell könnte es auch ein Kampf zwischen der Seele und Teufel im Menschen sein.

Wird die Bedeutung der Schachfiguren auf die spirituelle Ebene gehoben, ist die Figur des Königs das Herz oder der Geist. Die übrigen Figuren sind die verschiedenen Bereiche der Seele mit unterschiedlichen Kräften. Es gibt die axiale Bewegung der Türme, die diagonale Bewegung der Läufer und die komplizierte Bewegung der Springer. Die axiale Bewegung, welche die unterschiedlichem Farben durchschneidet, ist logisch und männlich, während die diagonale Bewegung auf einer Farbe einer existentiellen und folglich weiblichen Kontinuität entspricht. Der Sprung der Springer entspricht der Intuition. 

 

Philosophie Läufer im Angriff - Kunst zum Schach von Elke Rehder

Läufer im Angriff - Kunst zum Schach von Elke Rehder

 

 

 


Schach als Schule der Kriegskunst


Kampfspiel preis' ich im Lied und ein Abbild wirklichen Krieges,
Kämpfer aus künstlichem Holz und ein Spiel um der Könige Herrschaft ...
(Anfang des Schachgedichtes von Hieronymus Vida)


Das Schachspiel war aber auch ein Unterrichtsmittel zur Strategie-Schulung der Prinzen und Adligen. Der arabische Historiker al-Mas'udi schreibt, dass die Hindus das Schachspiel ("Shatran" abgeleitet aus dem Sanskrit "Chaturanga") als eine "Schule der Führung und Verteidigung" ansahen. Das Wort "Chaturanga" bedeutet die traditionelle hinduistische Armee, bestehend aus den vier "angas", den Elefanten, Pferden, Streitwagen und Soldaten.

Der Einsatz des Schachspieles zur militärischen Schulung von Offizieren kam später auch in Europa zur Anwendung. Gottlieb Konrad Pfeffel (1736-1809), dessen Gedicht "Das Schachspiel" ich als Künstlerin illustriert habe, war nicht nur Dichter sondern auch Militärwissenschaftler. 1773 gründete er in Colmar die "Acadèmie Militaire", eine Schule für adlige Jünglinge. siehe hierzu auch
http://www.elke-rehder.de/Book_Edition/Gottlieb_Konrad_Pfeffel_Pressendruck.htm

 

Philosophie Bauern - Kunst zum Schach von Elke Rehder

Bauern-Versammlung - Kunst zum Schach von Elke Rehder

 

 

 

 

Die Abteilung Schachphilosophie in meinem Bücherschrank


Beginnen möchte ich mit einem Zitat von Prof. Dr. Christian Hesse aus seinem Buch "Expeditionen in die Schachwelt", welches bei Chessgate in Nettetal erschienen ist. In meinem Bücherschrank hat die 2. überarbeitete Auflage von 2007 einen Platz in der Abteilung Schach-Philosophie ganz vorne. Christian Hesse beschreibt das Schachspiel unter den Spielen als einzigartig. "Es ist ein in sich abgeschlossenes Modell des Lebens und der Welt im Kleinen. Trotz der Begrenzung des Spielplatzes auf nur 64 Felder und der möglichen Verhaltensweisen auf nur wenige klare und übersichtliche Zugregeln ist es in einer ans Wunderbare grenzenden Weise komplex und so vielschichtig, dass es in symbolischer Form Grundaspekte der menschlichen Existenz widerzuspiegeln vermag. Schach ist eine geistige Kampfsportart und gleichzeitig ein Resonanzboden für Ästhetik, Leidenschaft und intellektuelles Heldentum, ein Königreich voller Ideen, Emotionen, Imaginationen, von einmaligen Einblicken, links- und rechtshemisphärischer Denkaktivität, von gebündelter Kreativität und wunderbarer Harmonie zwischen logischen und paradoxen Elementen."


Zur Kulturgeschichte des Spiels besitze ich in meinem Bücherschrank die deutsche und die englischsprachige Ausgabe von "Homo Ludens" von Johan Huizinga. Der 1872 geborene niederländische Kulturhistoriker hat der Welt ein grundlegendes Werk über die Rolle des Spiels (nicht des Schachspiels) in allen Kulturbereichen hinterlassen. Wenn ich etwas über die Ursprünge des Spieles und der Spielformen erfahren möchte, schlage ich in diesem Standardwerk nach.

Philosophie Angriff - Kunst zum Schach von Elke Rehder

Stürmischer Angriff - Kunst zum Schach von Elke Rehder


Speziell zur Schachphilosophie besitze ich die Bände von Dr. Fritz Siebert zur Philosophie des Schachs, die im Schachverlag Heinz Loeffler in Bad Nauheim erschienen sind bzw. als erweiterte Auflage im Schachverlag Kurt Rattmann in Hamburg.

Der 1. Band vom Wesen und Ursprung des Schachs beinhaltet die Kapitel
- Schach als Sinnenerscheinung
- Schach als Spiel des reinen Verstandes
- Schach als Ausdrucksmittel des Geistes


Der 2. Band behandelt die Prinzipien des Schachspiels (auf der Grundlage der  Kampfesphilosophie von Emanuel Lasker):
- Das Gesetz der Erhaltung der Energie
- Prinzip der Kompensation
- Schach als Gleichgewichtsspiel
- Prinzip der Proportion
- Die äußeren Elemente und das spezifische Element des Schachs
- Wesen der Übergänge und der Kombination
- Prinzip der Ökonomie
- Wertcharaktere der Figuren
- Begriff des Opfers
- Das psychologische Schach
- Geltungsrecht der schachlichen Maximen
- von Anderssen bis Lasker und zum neu-romantischen Schach
- Die russische Schachschule.


Der 3. Band "Unser Handeln im Schach"
- Der Wille zur Macht und Übermacht
- Schach als Spiel und Sport
- Der Wille zur Wissenschaft, zur Kunst und zum Selbst.

Von Dr. Fritz Siebert ist 1977 im Verlag von Friedrich Schaumburg in Stade noch der Band "Skizzen und Studien zur Schachphilosophie" erschienen. Dieser enthält einen Beitrag von Professor Pavle Bidev, Skopje: Die Siebertsche und meine Philosophie des Schachs. Eine vergleichende Darstellung und kritische Wertung. Das Buch enthält
- naturwissenschaftliche Betrachtungen zum Schach
- das Gesetz der Erhaltung der Energie als schachphilosophisches Prinzip
- der Vergleich des Schachspiels 1851 mit heute
- einen Epilog über das Prinzip der geringsten Wirkung in der Theorie des Kampfes 
- eine Abhandlung über die Schönheit und Unerschöpflichkeit des Schachs
- Bemerkungen zur Schachnovelle von Stefan Zweig
- Bausteine zu einer Schachästhetik und Gedankenästhetik
- Alfred Brinckmanns schachphilosophisches Vermächtnis
- zu Ludwig Wittgensteins Schachtheorie der Sprache.

 

Philosophie Druckspiel - Kunst zum Schach von Elke Rehder

Starkes Druckspiel I - Kunst zum Schach von Elke Rehder

 

 


Für Einsteiger in das komplexe Thema der Schachphilosophie empfehle ich ein Buch von Josef Seifert. Seifert ist Professor für Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Erkenntnistheorie, Metaphysik und philosophischen Anthropologie. Sein Buch "Schachphilosophie - Ein Buch für Schachspieler, Philosophen und normale Leute" ist als Taschenbuch in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft 1989 in Darmstadt erschienen. Das Buch handelt im ersten Kapitel von der Eigenart und Faszinationskraft des Schachspiels. 
1. Astronomische Fülle möglicher Positionen und Spiele
2. Die Geregeltheit, Intelligibilität und Logik des Schachspiels
3. Notwendige und frei gewählte Ziele und Züge - das Schachspiel als Lösung der scheinbaren kantischen Antinomie von schöpferischer Freiheit und notwendiger Regelhaftigkeit
4. Das Ganzheitsprinzip und die Relativität - Rationalität der materialen und positionellen Werte beim Schachspiel
5. Die Dialektik von strenger Vorhersehbarkeit und Überraschung
6. Pluridimensionalität der Regeln und Dynamik des Schachspiels: Die Kunst des Schachs als Analogie zur Detektiv- und Feldherrenkunst
7. Die Anziehungskraft der konzentrierten Stille des Nachdenkens und möglicher Formen der Kommunikation
8. Siegesabsicht, Wettbewerb, Kräftemessen und allgemeinere Momente der Faszinationskraft des Spiels
9. Schach als Problemschach - Quasi-Wissenschaft und rationales Rätsel


Im zweiten Kapitel wird die Frage nach der Art der Gesetze des Schachspiels gestellt und die ontologischen und epistemologischen Aspekte des Schachspiels betrachtet
1. Konventionelle Regeln und Elemente
2. Anwendung allgemeiner logischer, ontischer und mathematischer Wesensgesetze im Schach
3. Notwendige Eigengesetze des Schach, die in der Verbindung zwischen konventionellen Schachregeln, material-inhaltlichen, mathematischen und logischen Gesetzen wurzeln
etc.


Im dritten Kapitel werden empirische und apriorische Erkenntnisse zum Schach geliefert wie beispielsweise die Erkenntnis der notwendigen Gesetze des Schachspiels als Musterbeispiel "synthetischer apriorischer Erkenntnis" und als Wesenserkenntnis
etc.


Im vierten Kapitel folgt eine Abhandlung zu einer Ethik des Schachspiels. Die besonderen quasi-moralischen und moralischen Tugenden und Untugenden des Schachspielers: Das Schachspiel als Versuchung oder als ethischer Lehrmeister des Schachspielers
etc.


Im fünften Kapitel folgen vier Punkte zum Thema Schach, Kunst und Leben
1. Schach und Kunstwerk
2. Analogie des Schachspiels für das Leben und das Schachspiel als Illustration der Notwendigkeit des "hermeneutischen Zirkels"
3. Schach, Tod und Liebe. Religiöse Deutungen und Analogien
4. Philosophische Aspekte des Schachspiels als Analogie für das Leben


Im sechsten und letzten Kapitel wird die Frage gestellt, ob sich der Schachspieler durch den Computer verdrängen lässt und zur Kritik des funktionalistischen Materialismus, der den Menschen nach dem Computermodell deutet. Es folgt eine phänomenologische Betrachtung des Unterschiedes zwischen Mensch und Computer und die Behandlung der Fragen bezüglich künstlicher Intelligenz, kunstreicher Intelligenzentlastung, Verkörperung oder Simulierung von Intelligenz.

 

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